Netzlese 1/2010
Liebe Freidenker, liebe Freidenkerinnen
Zum - hoffentlich bald auch meteorologischen - Frühlingsanfang haben wir im Netz wieder einen bunten Strauss gepflückt, den ersten in diesem Jahr.
Für unsere Luzerner Mitglieder der kurzfristige Hinweis auf das Café philo, das diesen Samstag, 13.3., ab 15 Uhr im Foyer des Stadttheaters unter der Moderation von Patricia Purtschert stattfindet:
www.luzerner-theater.ch/spielplan/monatsprogramm/auffuehrung_8472.html.
Interessant kündigt sich der Vortrag an der UNILU vom 31.3. an: "Selbst und Selbstbild. Zum Begriff des Unbewussten". Detaillierte Infos unter:
www.unilu.ch/deu/veranstaltungen_128397.html
Früh übt sich.... Kinder philosophieren - am 28.3.2010 von 10.30 - 11.30 Uhr im Museum Burg Zug:
www.burgzug.ch/veranstaltungen.php
Seit letzter Woche präsentiert sich unsere Dachorganisation mit einem überarbeiteten Internet-Auftritt:
Nebst einer neuen Kommentarfunktion und News aus dem In- und Ausland informiert er zu laufenden FVS-Kampagnen. Mit der letztjährigen "Wahrscheinlich ist da kein Gott..." - Aktion haben wir Freidenker uns einen Platz in den Kulturannalen der Schweiz gesichert:
(Bild Nr. 19).
Eine Nachfolgekampagne wurde grundsätzlich an der Klausur anfangs Januar vom Vorstand befürwortet, Sujet und Timing sind noch offen. Die British Humanist Organisation schaltete Ende 2009 ihre "Please don't label me"-Plakate, um dafür zu werben, (Klein-)Kinder vor religiöser Indoktrination zu schützen:
www.humanism.org.uk/billboards
Die österreichischen Kollegen sammeln bereits Ideen per Homepage:
Dass Religionen gerade hierzulande mit viel Aufwand künstlich am Leben gehalten werden, legen Verlautbarungen wie jene der Religionspädagogin Vreni Merz in der evangelischen Zeitschrift "Sonntag" nahe: "Kinder kommen nicht von sich selber auf Gott, das Bewusstsein für Gott ist nicht wie ein Naturphänomen in ihnen angelegt, sondern das Religiöse ist ein kulturelles Erzeugnis..."
Von ihr ist kürzlich eine weitere Bibel für Kinder auf den Markt gekommen:
Schweizer Geistliche sind sich offensichtlich bewusst, dass die Säkularisierung unaufhaltsam fortschreitet, was sie zu Äusserungen veranlasst wie "Unsere Gesellschaft ist von einem praktischen Atheismus geprägt".
Martin Eleganti, Zürcher Weihbischof im Interview:
Der Streit ums Kruzifix zwischen Italien und Europa geht in die nächste Runde. Die "grande chambre" soll den Kruzifix-Entscheid neu beurteilen:
www.kathpress.at/content/site/nachrichten/database/31240.html
Die Tessiner Gemeinde Cadro probte anfangs Februar den Alleingang und hängte das Kruzifix kurzerhand wieder in die Eingangshalle der Primarschule:
Auf Proteste hin wurde es zwischenzeitlich wieder "provisorisch" abgehängt. Obwohl es einen klaren Bundesgerichtsentscheid dazu gibt, muss das Gebot der konfessionellen Neutralität der Volksschule von den Betroffenen (Eltern, Lehrer, Erziehungsberechtigte, etc.) persönlich eingefordert werden. Ein Standardbrief findet sich hier:
www.frei-denken.ch/de/2009/11/musterbrief-gegen-kruzifix-im-schulzimmer/
Nicht nur die Schule, auch Gerichte sind der weltanschaulichen Unparteilichkeit verpflichtet. Gänzlich inakzeptabel ist das Votum von Cherie Booth, Juristin und Frau des Ex-Premierministers Tony Blair, die einem Angeklagten seine Religiosität strafmindernd anrechnete:
news.bbc.co.uk/2/hi/8497365.stm
In Februar beschloss der Gerichtspräsident in Düsseldorf, ein seit Jahren bestehendes Verfassungsgerichtsurteil anzuwenden und nach dem Umzug in neue Räumlichkeiten die alten Kreuze nicht mehr aufhängen zu lassen:
www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/2324484_Das-Kreuz-des-Anstosses.html
Von solchen Arbeitsbedingungen war und ist der italienische Richter Luigi Tosti weit entfernt. Weil er sich weigerte, unter dem Kreuz Recht zu sprechen wurde er suspendiert. Die International Humanist and Ethical Union unterstützt eine weltweite Petition gegen diese eklatante Verletzung der Religionsfreiheit. Jede Unterschrift ist eine Solidaritätsbezeugung: www.iheu.org/petition-support-judge-tosti
Wenngleich sich die Religionen auf institutioneller Ebene vehement gegen den Machtverlust zur Wehr setzen, verlieren sie immer mehr Rückhalt in der Bevölkerung. Die Missbrauchsskandale und den Umgang der kirchlichen Instanzen mit den schlimmen Vorwürfen zeigen das ganze Ausmass der Misere. Auf Spiegel-online findet sich ein umfangreiches Dossier zu den Vorkommnissen:
www.spiegel.de/thema/sexueller_missbrauch_in_der_katholischen_kirche/
Besonders lesenswert ist der Grundsatzkommentar zum Rechtsverständnis innerhalb des Katholizismus in der Zeit:
www.zeit.de/2010/09/Katholische-Kirche
Bleibt zu hoffen, dass durch solche Entwicklungen die Vertreter eines nicht-religiösen Gegenentwurfes vermehrt zu Wort kommen. Wie zBsp. in folgender TV-Dokumentation zum Vormarsch der Ungläubigen:
Der Philosoph und Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung, Dr. Michael Schmidt-Salomon, war seinerseits verschiedentlich in der Öffentlichkeit präsent, so im "Nachtcafé", wo über "Sinnsucher und Heilsversprecher" debattiert wurde:
Ein Gespräch zu Gott und die Welt mit "Deutschlands Chefatheisten" fand im SWR statt:
www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136
Als Podcast, also zum Nachhören, ein Gespräch über Werte aus dem Mainzer Dom. Mit Gert Scobel diskutieren der Philosoph Herbert Schnädelbach und Karl Kardinal Lehmann:
www.podcast.de/episode/1418931/1000_Jahre_Mainzer_Dom_-_Werte_gestern_und_heute/
Wenn Kritik an der Kritik geübt wird stehen sich Weltanschauungen manchmal besonders unerbittlich gegenüber. So wurden anfangs Jahr Parallelen zwischen der "Islamophobie" und dem Antisemitismus gezogen:
www.sueddeutsche.de/politik/837/499119/text/
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kürte dann auch gleich die "heiligen Krieger" der Aufklärung:
Einer davon kommt im Nachtstudio des ZDF vom 7.3. zu Wort:
www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/990304/nachtstudio-vom-7.-Maerz-2010
Eine Replik las sich im "Spiegel" so:
www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,672117,00.html
Im online- Kulturmagazin "Perlentaucher" erhielt die Debatte eine europäische Dimension, stritten sich doch ein Franzose und ein Engländer über den richtigen Dialog mit dem Islam:
www.perlentaucher.de/artikel/3642.html
Der Vorwurf des "Fundamentalismus" richtet sich zunehmend gegen die sogenannten "Neuen Atheisten". Ein hochkarätiges Podium fand dazu in der Reihe "Intelligence squared - IQ2" statt. Besonders interessant an diesem Format ist, dass am Anfang eine These aufgestellt wird und das Publikum darüber abstimmt. Nach der Diskussion, in der Pro und Kontra aufeinandertreffen, wird der Saal erneut befragt. Es zeigt sich, dass sich die Unentschlossenen von der Kraft der Argumente durchaus überzeugen lassen.
www.youtube.com/watch (14-teilig, Englisch)
Nach den "Brights" fassen auch die Skeptiker immer stärker Fuss in Europa. So z.Bsp. über die GWUP, der Gesellschaft zur Untersuchung von Parawissenschaften e.V.:
Dessen Gründer Amardeo Sarma war im Januar zu Gast in der Talkshow Menschen bei Maischberger, wo sich "Seher und Propheten" ein Stelldichein gaben:
mediathek.daserste.de/daserste/servlet/content/3594476=
Im Oktober 2009 fand in London erstmals ein "The Amazing Meeting" des Urgesteins der amerikanischen Skeptikerbewegung James Randi ausserhalb der USA statt:
Heuer soll die zweite Ausgabe des TAM London stattfinden, sowie ein TAM Australia, wo dieser Tage die 2010 Global Atheist Convention steigt:
Wir haben bereits verschiedentlich auf die TED Talks hingewiesen, das herausragenden Persönlichkeiten aus aller Welt ein Forum bietet. Z.B. Tim Berners-Lee, dem Erfinder des HTML-Codes und somit einer jener Köpfe, die Dinge wie unsere Netzlese ermöglichen:
www.ted.com/talks/tim_berners_lee_the_year_open_data_went_worldwide.html
Das Internet lässt uns teilhaben an Campus-Anlässen in Stanford, wenn über die Einzigartikeit des Menschen referiert wird:
www.youtube.com/user/StanfordUniversity
Oder wenn sich Jura-Studenten an praktischer Ethik versuchen:
Die Internet-Zeitschrift "edge" stellt jedes Jahr den prominentesten Wissenschaftern eine Frage. Hier eine Auswahl ihrer Antworten auf "Was wird alles ändern?"
www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,669276,00.html
In der Limmatstadt treffen sich ausgewählte Zeitgenossen am "Zurich.Minds", so der renommierte amerikanische Philosoph Daniel Dennett. Hier sein Vortrag zu Evolution der Vernunft (in englischer Sprache):
zurichminds.com/videos/dennett.html
Die Hirnforschung stellt herkömmliche Menschenbilder zunehmend auf den Kopf und konfrontiert uns mit neuen Herausforderungen. Wie frei ist unser Wille? Was ist Realität?
www.3sat.de/mediathek/mediathek.php
Wozu verleitet uns ein (Irr-)Glaube? Wie verhält sich das Gewaltspotential in bezug auf die Religiosität?
Thematisch passend unser Buchtipp: In "Welcome to your brain" nehmen uns Sandra Aamondt und Samuel Wang auf eine Reise durch unser Hirn mit und räumen mit einigen weitverbreiteten Mythen auf:
Experimente der ganz besonderen Sorte präsentiert folgende Site:
Auch diesmal wollen wir auf einer heiteren Note enden. Von Jürgen Becker stammt das Bonmot: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Religion ist, wenn man trotzdem stirbt. Mit gewohnt spitzer Zunge fragt der Rheinländer in seiner kabarettistischen Götterspeise: "Na, was glauben Sie denn?" Viel Spass!




